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Rimac Nevera im Test: Das Schnellste, was ich je gefahren bin

Das 1.914 PS starke Elektro-Hypercar definiert den Begriff "schnell" völlig neu

rimac nevera im test: das schnellste, was ich je gefahren bin

Der Rimac Nevera ist nicht nur schnell, er bietet eine völlig neue Art von Geschwindigkeit. Während der Monterey Car Week überließ mir der Autohersteller freundlicherweise die Schlüssel zu seinem 2,4 Millionen Elektro-Supersportler. Also machte ich mich auf zu einer 30-minütigen Spritztour über die Hügel in Richtung Laguna Seca.

Ich war gleichermaßen begeistert wie eingeschüchtert. Es gibt Videos von diesem Auto, wie es startet und driftet, und man hört Geschichten über frühe Prototypen, bei denen man sich fragt: “Wird mich dieses Auto über die nächste Klippe werfen?” Zum Glück geschah das nicht.

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So schnell der Rimac Nevera auch sein mag, ein Teil seines Charmes besteht darin, dass man dieses Auto theoretisch jeden Tag fahren kann. Es handelt sich nicht um ein feuerspeiendes Biest, das für die Rennstrecke gebaut wurde (hier ist überhaupt kein Feuer im Spiel). Sicher, sein 120-kWh-Akku und seine vier Elektromotoren machen ihn zum derzeit leistungsstärksten Serienfahrzeug überhaupt: 1.914 PS oder 1.408 kW stehen zur Verfügung. Aber abgesehen von den technischen Daten ist alles an diesem Auto ziemlich unauffällig.

Sieht man über all das Carbon und die Türen, die nach oben fliegen, wenn man sie öffnet, hinweg, gibt es nichts all zu Auffälliges am Design. Die Frontpartie des Nevera ist glatt und unprätentiös. Die Heckpartie ist scharf, aber wirklich viele interessante Winkel hat sie nicht.

Bildergalerie: Rimac Nevera 2023 erster Fahrbericht

Wenn man sich auf den Fahrersitz setzt, sieht es nicht anders aus. Es gibt einen großen Touchscreen in der Mittelkonsole, wie in den meisten modernen Autos, viel Leder, und das Lenkrad ist mit Audio- und Infotainment-Bedienelementen übersät. Auch die Sitze fühlen sich nicht überirdisch an: zwei Alcantara-Schalensitze mit starker Polsterung und solider Rückenlehne.

Zu meiner Rechten sitzt Rimacs Chefentwicklungsfahrer Miro Zrncevic, der vom ersten Tag an am Nevera gearbeitet hat und genau weiß, wozu dieses Auto fähig ist. Und noch bevor ich aus der Einfahrt fahre, sagt er mir, ich solle Gas geben.

“Drück das Gas voll durch”, sagt Zrncevic.

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Ich wollte nicht wie ein Weichei dastehen, also drückte ich das Gaspedal zu etwa drei Vierteln durch. Dann sagte mir mein Hirn: Runter da!!! Der Wagen hatte noch nicht einmal seine volle Leistung erreicht, und trotzdem kam kein anderes Fahrzeug, das ich je getestet habe, so gut vom Fleck wie dieses. Schmetterlinge flatterten in meinem Magen und ich musste meinen Kiefer rejustieren, als ich hart auf die 15,4-Zoll-Carbon-Keramik-Bremsen von Brembo drückte, um den Nevera abzubremsen.

Der Rimac Nevera sprintet in wahnwitzigen 1,97 Sekunden auf 100 km/h. Und selbst hier, sagt Rimac, gibt es noch Raum für Verbesserungen. Die g-Kräfte, die auf meine schlaksige Statur pressten, zeigten mir schon ganz gut, dass die Tempo-100-Sprintzeit hält, was sie verspricht. Im Gegensatz zu seinem Cousin, dem Bugatti Chiron, der eine halbe Sekunde braucht, um seine vier Turbos hochzuspulen, braucht der Nevera keinerlei Vorlaufzeit; Er lieferte jedes Bisschen seiner Leistung in dem Moment, in dem du sie brauchst, wann immer du sie brauchst.

Meistens stellen alle vier Räder das Drehmoment zur Verfügung, außer im Drift-Modus, in dem die vorderen Motoren abgeschaltet werden und der Fahrer fast 1.000 PS auf die Hinterräder leiten kann, um sich einen reifenschreddernden Spaß zu verschaffen. Ich habe mich nicht getraut, das auch nur zu versuchen.

Ein Paar CNC-gefräste Knöpfe auf der Mittelkonsole regeln die Leistung je nach Fahrmodus, die von den zahmeren Einstellungen Cruise und Range bis hin zu Sport, Track und Drift für die gänzlich Leistungsverrückten reichen. Ich habe die meiste Zeit meiner Fahrt im Cruise-Modus absolviert, der nur etwa drei Viertel der Leistung freisetzt. Ein kurzer Sprint im Track-Modus zeigte jedoch das Ausmaß der vorhandenen Reserven.

Meistens stellen alle vier Räder das Drehmoment zur Verfügung, außer im Drift-Modus, in dem die vorderen Motoren abgeschaltet werden und der Fahrer fast 1.000 PS auf die Hinterräder leiten kann, um sich einen reifenschreddernden Spaß zu verschaffen. Ich habe mich nicht getraut, das auch nur zu versuchen; der Allradantrieb und das Torque-Vectoring-System blieben eingeschaltet.

Dieses Torque Vectoring ist eines der beeindruckendsten technischen Systeme, die ich je kennenlernen durfte. Nachdem ich etwas Vertrauen gefasst hatte, ermutigte mich Zrncevic, in den Kurven das Gas komplett in den Boden zu drücken – so würde ich das wohl mit keinem anderen heute erhältlichen Hypercar versuchen. Mit blindem Vertrauen haute ich auf den Pinsel – und irgendwie warf mich das 1.914 PS-Monster nicht in den Straßengraben.

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Das Torque-Vectoring-System tut im Grunde alles in seiner Macht Stehende, um zu verhindern, dass man das Auto schrottet. Es passt das Drehmoment an jedem Rad bis zu 100 Mal pro Sekunde an, so dass der Nevera selbst bei voller Fahrt genau weiß, wie viel Leistung er bei dem verfügbaren Grip erzeugen muss.

Und für ein fast 2,2 Tonnen schweres Fahrzeug bewegt sich der Nevera mit beeindruckender Anmut. Die Bewegungen des Autos sind flüssig, in Kurven könnte es nicht flacher handeln und der Grip ist einfach unglaublich – selbst mit den handelsüblichen Michelin-Pilot-Sport-4S-Reifen.

Die Lenkung vermittelte nicht so viel Feedback, wie ich es mir gewünscht hätte, aber sie war immerhin sehr direkt. Trotzdem fühlte sich das Auto in den Kurven nie unbeherrschbar an. Auch hier wollte Rimac sicherstellen, dass seine Besitzer keine Angst davor haben, dieses Auto jeden Tag zu fahren, und so trägt die hochmoderne Fahrwerkstechnik dazu bei, dass man sich wohl fühlt und die Kontrolle behält.

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Der Nevera ist die Art von Auto, die aus einem Elektroauto-Ungläubigen einen absoluten BEV-Fan machen kann. Nichts, was ich bisher gefahren bin, kommt auch nur annähernd an das heran, was der Rimac auf gerader Strecke abzieht. Die zehn Jahre Entwicklungszeit, die zum Erreichen dieses Ziels nötig waren, haben sich meiner Meinung nach gelohnt.

Der Preis entspricht natürlich der Leistung. Der Nevera kostet in den USA etwa 2,5 Millionen Dollar, und nach Angaben von Rimac sind alle 150 Exemplare für dieses Jahr bereits ausverkauft. Aber keine Sorge, nächstes Jahr kommen weitere Neveras. Und angesichts der neuen Partnerschaft zwischen Bugatti und Rimac kann man sich vorstellen, was das nächste Jahrzehnt bringen wird – mit ziemlicher Sicherheit mehr extrem schnelle Fahrzeuge.

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