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Lada Niva Legend Urban (2021) im Fahrbericht

Der rustikale Russe wird in seiner Heimat zum modischen Accessoire

lada niva legend urban (2021) im fahrbericht

Ziemlich genau fünf Jahre ist es her, als wir den Lada 4×4 Urban als Dreitürer testeten. Schon damals unkten wir, ob der russische Gelände-Opa zum weichen urbanen Hipster mutiert. Seitdem ist viel passiert: Lada Deutschland ist kein offizieller Importeur mehr, der 4×4 wurde etwas geliftet und heißt nun “Niva Legend” und auch ihn gibt es wieder als “Urban”.

Zumindest in Russland, wo der Lada Niva Legend Urban offenbar zum Lifestyle-Automobil mutiert. Aber lassen wir unseren Kollegen Manu von Motor1.com Russland sprechen, der den Neo-Oldtimer gefahren ist … 

Stellen Sie sich vor, Sie könnten einfach in ein Autohaus gehen und einen nagelneuen GAZ-24 oder einen Shiguli mit Werksgarantie kaufen. “So funktioniert das nicht”, würden Sie sagen? Und Sie werden sich irren. Sie haben nämlich die Chance, Besitzer eines nagelneuen, fabrikneuen, aber fast antiken Autos zu werden. Jenes Auto war seiner Zeit mindestens um ein Jahrzehnt voraus und so erfolgreich, dass es nächstes Jahr sein 45-jähriges Jubiläum feiert.

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VAZ-2121 ‘Niva’ am Fließband, um 1977

Es gibt eine Kategorie von Menschen, die alte Autos lieben. Ein gepflegter “Oldtimer” fällt im Strom immer auf, auch wenn es kein Museums-T-Bird von 1957 ist, sondern eine einfache sowjetische “Kopeke” (Anmerkung der deutschen Redaktion: “Kopejka”, der Lada 2101 ab 1970) oder ein BMW 316 der ersten Generation. Solche Autos haben oft keinen allzu großen monetären Wert, was ihre Besitzer aber nicht daran hindert, sie zu pflegen, sie zu einem Gegenstand des persönlichen Kults zu machen und gelegentlich mit ihnen auf Clubtreffen herumzufahren.

Wenn das Auto zwischen fünfzehn und dreißig Jahre alt ist, original und im guten Zustand erhalten ist, wird ein solches Auto gewöhnlich als “Youngtimer” bezeichnet. So seltsam es klingen mag, im Englischen gibt es diesen Begriff nicht; er wurde von Deutschen erfunden, die zwei englische Wortstämme zusammengefügt haben.

In der Regel wird ein Youngtimer schon lange nicht mehr hergestellt, Ersatzteile sind nicht so leicht zu finden, und eine einwandfreie Erhaltung garantiert noch lange keine einwandfreie Fahrt: Die müde Karosserie sollte man besser nicht belasten, und der Motor sollte nicht zu hoch drehen. Trotzdem macht er seinen Besitzer glücklich.

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Was ist das Schöne am Youngtimer? Fragen Sie den Eigentümer: Er wird Ihnen wahrscheinlich drei Dinge sagen. Der erste ist das coole, altmodische Design (das damals vielleicht unscheinbar erschien, aber die Zeit hat es zu einem Klassiker gemacht).

Der zweite Grund ist die Einfachheit. Es ist schwer, es einer Frau oder einem Hipster zu erklären, aber es ist ein besonderes Vergnügen, sein Auto zu durchschauen (ich spreche nicht von Löchern im Boden, obwohl auch diese Art von Autosubkultur existiert). Es ist schön zu wissen, dass man jede Panne, jedes noch so kleine Quietschen oder Klopfen sofort erkennen und, wenn man möchte, mit eigenen Kräften beheben kann. Noch angenehmer ist das Gefühl, die volle Kontrolle über das mechanische Gerät zu haben, dessen Funktionsprinzip Sie genau kennen.

Schließlich werden auch die geübtesten Piloten das pure Autofahren ohne Hilfe der Elektronik im Sinne der “Freude am Fahren” genießen. Und genau das gibt es im Lada Niva Legend Urban frisch ab Werk. 

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Nun, der Niva bietet seinem Besitzer all diese drei Annehmlichkeiten – und zwar ohne die Nachteile des alten Autos. Er ist ein echter neuer Youngtimer: Seit 1976/77 haben sich weder das Design noch die Konstruktion kaum verändert, obwohl der Komfort deutlich zugenommen hat. (Erwarten Sie trotzdem keine Wellness-Lounge …)

Apropos Design und Konstruktion. Beide sind – wie alles, was nicht zum Angeben, sondern aus nacktem Pragmatismus geschaffen wurde – einem Ideal so nahe gekommen, dass sie zum Prototyp einer ganzen Klasse von Autos wurden (heute nennt man sie kompakte Crossover). Man kann sagen, dass Niva der reinste Ausdruck der Idee eines städtischen SUVs ist; die alten Griechen nannten es “eidos” – eine gewisse Überwelt, ein informatives Äquivalent eines materiellen Dings, ein Prototyp aller physischen Verkörperungen.

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Das Niva-Konzept war der sowjetische Beitrag zur weltweiten Automobilindustrie, gewissermaßen Sputnik und Gagarin auf Rädern. Eine klassische amerikanische Erfolgsgeschichte: ein junges Team von Designern, ehrgeizig, furchtlos; ein Start-up, an das niemand glaubt, das dann aber die Welt erobert – so sah das VAZ-Team in den 1970er-Jahren aus.

Es klingt seltsam, wenn man jetzt darüber liest, aber hinter dem Namen Niva steckt eine ganz schöne Hipster-Geschichte: Die Kinder des Designers Prusov hießen Natalia und Irina (N, I), und sein Vorgänger, Wladimir Solowjew, hatte Vadim und Andrej (V, A). Mit anderen Worten: Der Lada Niva wurde wie einst der Mercedes benannt (jener nach dem Spitznamen der Tochter des Autohändlers und Mäzens, der 1901 auf Daimler Rennen fuhr).

Der moderne Designer wird nicht den geringsten Fehler im Erscheinungsbild des klassischen Niva finden, das von der reinen Rationalität diktiert wurde: breite, regelmäßig geformte Radkästen, kurze vordere und hintere Überhänge, ausgewogene Proportionen. Jede radikale Modernisierung kann sein Erscheinungsbild nur verschlimmern, denn es gibt einfach keine Möglichkeit, es einfacher und besser zu machen. Wir sagen jetzt nicht Land Rover Defender. Und sind gespannt auf den Renault-Dacia-Niva für 2024.

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Wurde der Niva vor dreißig Jahren, als Hunderte ausländischer Autos auf den russischen Markt drängten, als “Auto für Kolchosbauern” wahrgenommen, so ändert sich die Einstellung zu ihm heute: Er wird als so etwas wie eine Ikone angesehen, die gerade wegen seiner zurückhaltenden und eleganten Schlichtheit Stil hat. Der klassische Niva ist freundlich, süß und sehr gemütlich; es fühlt sich an, als sollte er heute mit Balenciaga und einem MacBook geliefert werden.

Für jemanden, der ihn eher als modisches Accessoire denn als Wagen zum Transportieren von Schwiegermutter und Kochtöpfen sieht, ist das eine große Sache: Der Niva ist unkaputtbar und kommt mit Werksgarantie. Das berühmte Brummen des Verteilergetriebes ist immer noch zu hören, wenn man sich anstrengt – aber jetzt verstärkt es nur noch die Freude am Kontakt mit der nackten, authentischen Mechanik.

Wobei der Niva Legend Urban fast schon unfassbar luxuriös ausgestattet ist: Klimaanlage! Sitzheizung vorne! Elektrisch verstellbare Außenspiegel! Elektrische Fensterheber! Aber unter der Haube noch immer der gleiche, in seinen Grundzügen fast 30 Jahre alte 1,7-Liter-Klotz mit 83 PS, 129 Newtonmeter Drehmoment und Verbrauch hart an 10 Liter im Schnitt. 

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Als ich den Niva zur Probefahrt mitnahm, wollte ich natürlich als Erstes ins Gelände, denn das ist genau das, was der Durchschnittsverbraucher mit dem Auto verbindet. Ehrlich gesagt, habe ich nicht mehr Freude an meinem Pajero Sport gehabt als mit diesem Lada. Der Wert dieses Wagens liegt heute aber nicht mehr im Schlamm – obwohl der Niva Legend hier sicherlich noch zu vielem fähig ist.

Nach meiner Rückkehr in die Stadt konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, ein wenig auf den breiten Straßen herumzualbern – natürlich innerhalb der zulässigen Höchstgeschwindigkeit. Ich kann sagen: Es ist nicht so, dass man raketengleich geradeaus rauscht, aber es geht recht zügig. Die Schaltvorgänge sind inzwischen fast komfortabel, die Bremsen sind ausreichend. Drei Schalthebel – einerseits ist das übertrieben, man sollte die Bedienungsanleitung lesen; andererseits können Sie Ihrer Freundin sagen, dass der zweite Hebel für sie und der dritte für die Mitfahrer ist.

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Nicht wenige Autofahrer in Moskau wissen, was “kein Respekt im Verkehr” bedeutet (wenn dich jeder ausbremst, weil du einen scheinbar alten Karren fährst) – nun, wenn du ordentlich gekleidet bist und nicht wie ein Schafhirte aus dem Ural aussiehst, ist es für jeden klar, dass dein Niva nur zum Spaß da ist. Weil es cool ist, nicht weil du so arm bist. Denn wenn man arm wäre, würde man für dieselbe halbe Million Rubel (umgerechnet rund 6.000 Euro) irgendeine uralte, gefährliche und völlig unmodische ausländische Kiste kaufen.

Soweit Kollege Manu aus Russland. Falls Sie in Deutschland nun Lust auf einen neuen Lada Niva Legend Urban bekommen haben: Freie Importeure wie etwa “Made in Russia” in Prutting nahe des Chiemsees holen ihn zu uns, Preis dort: 15.690 Euro.

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