Tests

Hyundai Staria 2.2 CRD im Test: So geil wie er aussieht?

Der Sci-Fi-Van kann verdammt viel, ein paar wichtige Dinge aber auch nicht

hyundai staria 2.2 crd im test: so geil wie er aussieht?

Was um alles in der Welt ist das?

Im Prinzip sowas ähnliches wie ein VW Bus oder eine Mercedes V-Klasse. Nur total abgefahren und von Menschen (womöglich auch von moderneren Lebensformen) designt, die uns circa 200 Jahre voraus sind.

Wenn Sie einen Van fahren wollen, der mehr Aufmerksamkeit und ungläubiges Staunen hervorruft als ein regenbogenfarbener Bugatti Chiron, dann sollten Sie umgehend zum Hyundai Staria greifen. Selten hat ein Testwagen so viele Köpfe verdreht wie dieser. 

Dabei steckt unter der futuristischsten Kastenform aller Zeiten grundehrliche und gar nicht mal so ausschweifende Technik aus dem koreanischen Konzern-Regal. Die Plattform stammt grob vom Kia Carnival. Nur hat man mal eben einen halben Meter drangeschweißt. Der Staria verfügt über majestätische 3,27 Meter Radstand und streckt sich auf Komplette-E-Jugend-plus-Trainer-taugliche 5,25 Gesamtlänge. 

hyundai staria 2.2 crd im test: so geil wie er aussieht? hyundai staria 2.2 crd im test: so geil wie er aussieht?

Hinter dem dünnen LED-Streifen an der Front (da, wo normalerweise diese altmodischen ..ähm .. genau.. Scheinwerfer sind), den flutlichtartigen Scheinwerfern unten und einem Grill der Größe Südkoreas werkelt als einzige Antriebsquelle ein 2,2-Liter-Vierzylinder-Diesel. Je nach Kreuzchen in der Aufpreisliste verteilt der seine überschaubare Kraft von 177 PS über eine 8-Gang-Automatik auf die Vorder- oder alle vier Räder. 

Gegen Reisebus-artiges Handling stemmt sich im Staria eine Mehrlenkerachse hinten. Der Wendekreis von knapp 12 Metern sollte die gröbsten Fluch-Anfälle beim Rangieren in der Stadt verhindern.  

Bei uns ist der Staria ausschließlich als sehr edel, üppig und voll ausgestattete “Signature”-Variante mit sieben Sitzplätzen zu haben. Die Platzverhältnisse könnten unter Umständen mehrere Postleitzahlen erfordern. Wer die neuesten Hyundai- oder auch Genesis-Modelle kennt, wird sich im Star(wars)ia schnell und gut zurecht finden. Infotainment, Instrumente, die hervorragende Materialqualität – das sieht alles mehr nach Oberklasse als nach Nutzfahrzeug aus. 

Umso überraschender erscheint die Preisgestaltung. Der Fronttriebler startet bei 56.150 Euro, Allrad kostet 2.000 Euro Aufpreis. Einzige Optionen sind ein Panorama-Glasdach für 1.200 Euro und einige aufpreispflichtige Farben. Unser Testwagen brachte es auf 59.100 Euro. Ein vergleichbar ausgestatteter VW Multivan 6.1 kostet gut und gerne 20.000 Euro mehr. Mit kurzem Radstand wohlgemerkt. Nichtsdestotrotz soll eine günstigere Einstiegsvariante folgen, die bei etwa 40.000 Euro starten könnte. Die Zukunft muss nicht teuer sein.

Fährt sie denn gut, die Zukunft?

In Anbetracht von Größe und Gewicht – unser Testwagen bringt es auf mehr als 2,5 Tonnen – schlägt sich das Auto alles andere als schlecht. Wie sehr Sie das “in Anbetracht von …” stört, müssen sie natürlich selbst entscheiden. 

Klar ist: Hier fährt kein Performance-SUV-Klon, der es schafft, die Physik um 500-600 Kilo zu betrügen. Aber dank der leichtgängigen und erfreulich akkuraten Lenkung geht das Handling souverän und ohne Angstschweiß-Ausbrüche von der Hand. Die Lenkung ist natürlich nicht die allerschnellste, aber es gibt auch keinen luftleeren Raum um die Mittellage, wo die erste halbe Umdrehung erstmal gar nichts passiert. Das ist schon alles sehr in Ordnung.

hyundai staria 2.2 crd im test: so geil wie er aussieht?

 

Trotz des turmhohen Aufbaus halten sich Wankbewegungen in Grenzen. Der Allrad sorgt für so viel Traktion, dass eher ihre sechs Mitinsassen aufgeben werden, bevor es der Staria tut. Und dank angesprochener Hinterachse federt das Auto auch noch ziemlich angenehm.

Unbeholfenes Gehoppel oder markerschütternde Schläge durch Straßenschäden fielen nicht auf. Vorne kann es aber mal ein wenig unelegant durchschlagen, eine Krankheit, die uns auch beim Test des Genesis GV80 auffiel. Mit ein klein wenig Karosserieverwindung aufgrund des exorbitanten Radstands kann man leben. 

Ist er sehr langsam? 

Seien wir ehrlich: Schnell ist anders. 13,5 Sekunden von 0-100 km/h kennt man inzwischen eigentlich nur noch aus der Klasse der Stadtzwerge mit Dreizylinder-Saugnähmaschine. Auf der anderen Seite: Wenn Mundwinkel-verzerrende Performance auf der Liste ganz oben steht, wird der Staria-Konfigurator bei ihrem ersten Aufruf ohnehin aus Angst freiwillig abstürzen.

Beim Beschleunigen dieselt der 2,2er mit allem was er hat. Hier geht Kernigkeit klar vor Vorwärtsdrang. Auf der Autobahn wird es ab 110, 120 dann richtig mühsam. Aber das ist halt alles Einstellungssache. Gemütlich hat ja auch was. Gut dagegen: Ist er einmal im Fluss, ist Ruhe im Karton. Da dringen dann eher die formbedingt recht ausgeprägten Windgeräusche ans Ohr. Sehr fein: Die 8-Gang-Automatik. Auch unser Durchschnittsverbrauch von 10,5 Liter geht in Ordnung.  

Wie ist er innen?

Wirklich wirklich fein. Mit Ausnahme einiger Klapper-Klappen am Armaturenbrett sind Materialgüte und Haptik im ganzen Auto hervorragend. Das geht schon in Richtung Genesis und ist in Anbetracht des Preises wirklich hervorzuheben. 

Vorne sitzt man eher LKW-esk, die Stühle an sich sind aber sehr bequem. Durch die monumentalen, weit heruntergezogenen Fensterflächen fühlt sich der Innenraum noch luftiger und sehr hell an. Allerdings ist man natürlich ab Oberschenkelhöhe maximal auf dem Präsentierteller. Das Tragen von Hosen bietet sich in diesem Auto also unbedingt an. Zumindest vorne, wo die Scheiben nicht abgedunkelt sind.

hyundai staria 2.2 crd im test: so geil wie er aussieht? hyundai staria 2.2 crd im test: so geil wie er aussieht? hyundai staria 2.2 crd im test: so geil wie er aussieht? hyundai staria 2.2 crd im test: so geil wie er aussieht?

Mittig zwischen den Vordersitzen befindet sich eine Ablagebox in der Größe eines Getränkekühlschranks. Die Box hat auch eine Art Tisch als Ablage, falls Sie während der Fahrt spontan Monopoly spielen oder Gemüse schneiden müssen. 

Aus welcher sadistischen Überlegung heraus auch immer kann man die Vordersitze von der zweiten Reihe aus mühelos elektrisch bewegen. Ein Fest für den gelangweilten Nachwuchs mit Rachegelüsten. 

Der “Place to be” ist im Staria ganz klar die mittlere Reihe. Hier thront man auf zwei Luxus-Stühlen mit Ausfahr-Fußstütze und Liegefunktion. Die Captain-Chairs sind in alle Richtungen verstellbar, heizen und kühlen sogar. Das Raumangebot in Reihe Zwei und Drei ist nicht weniger als gigantisch. Vermutlich schadet es nicht, mitreisenden Kindern Ortungsgeräte umzuhängen, wer weiß, ob man sie sonst je wieder findet. 

Die Bank in der dritten Reihe lässt sich ausbauen, bietet sehr viel Beinfreiheit, ist aber natürlich nicht annähernd so komfortabel wie die übrigen Plätze. Ein großer Malus hier: Isofix ist Fehlanzeige. 

Hinter der Sitzbank ist der Kofferraum naturgemäß eher so lala. Wer größere Dinge – etwa eine Gartenhütte oder einen Smart – transportieren muss, kann aber frohlocken. Ist alles ausgebaut, sollen bis zu 5.000 Liter in den Staria reinpassen. 

Hat er denn Features, die so Sci-Fi sind wie seine Optik? 

Durchaus. Instrumente und Infotainment sind so gut (und ich meine gut) wie bei allen aktuellen Hyundais und Genesis. Einziges Manko: Der mittige Screen ist etwas weit weg. So muss man sich ganz schön strecken, wenn man ein Bedienfeld ganz rechts erwischen will. 

Die gängigen Assistenzsysteme sind alle an Bord. Inklusive einer sehr nützlichen 360-Grad-Kamera, die ihnen einen kleinen Staria von oben betrachtet aufs Display zaubert. Das erleichtert das Einparken doch spürbar. 

hyundai staria 2.2 crd im test: so geil wie er aussieht?

Zu den Highlights, die man vermutlich nur in einer fahrenden Lagerhalle findet, gehören eine Freisprecheinrichtung, welche die Kommunikation über sehr weite Strecken (also erste nach dritte Reihe und umgekehrt) vereinfacht. Außerdem gibt es eine Weitwinkelkamera in den Passagierraum, mit der Sie im Zentraldisplay zuverlässig überprüfen können, was die ausgekochte Brut schon wieder im Schilde führt. 

Noch irgendwelche gravierenden Schwächen?

Durchaus. Zum einen ist der Staria 1,99 Meter hoch. Es ist sehr schön, wenn selbst G-Klasse-Fahrer zu einem hochschauen. Oder wenn man in seinem Auto nahezu aufrecht stehen kann. Was weniger schön ist: Parkgarageneinfahrten. Die Antenne kriegt da quasi immer ihr Fett weg. Klingt natürlich jedes Mal ungefähr so gut wie Fingernägel auf einer Schultafel. 

Ein weiteres Manko sind die Zuladung und die Anhängelast. Etwas über 500 Kilo hier und 1.500 Kilo da sind für ein Auto dieser Größe und Klasse eher problematisch. 

Fazit: 7,5/10

Sollte Sie das alles nicht stören, dann bietet Ihnen der Hyundai Staria wirklich sehr viel Van fürs Geld. Und er sieht einfach rattenscharf aus. Die Ausstattung ist opulent und voll auf der Höhe. Zudem fährt er komfortabel und dynamisch nicht wirklich weit weg von einem herkömmlichen PKW. 

Schwachstellen sind der etwas müde Diesel, die gewaltige Höhe und fehlende Isofix-Halterungen in der dritten Sitzreihe. Über gerade angesprochene Nutzlasten sollte man ebenfalls nachdenken.

Trotzdem: Wenn Sie ein Auto suchen, dass mehr Platz hat, als eine herkömmliche Münchner Ein-Zimmer-Wohnung, aber nur ein Fünftel davon kostet, dann machen Sie hier garantiert nichts falsch. Nein, im Ernst: Nicht nur in puncto Preis-Leistung hat uns der Staria wirklich überzeugt. Gewöhnen Sie sich nur dran, dass jeder Sie permanent anglotzen wird.   

TOP STORIES