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Genesis G70 (2021) im ersten Fahrbericht: Der G-Faktor

Eine echte Alternative zu BMW 320i und Co.?

genesis g70 (2021) im ersten fahrbericht: der g-faktor

1972, 1975, 1982: Nein, die Rede ist nicht von einem neuen Song der Sportfreunde Stiller. So lange sind Audi A4, BMW 3er und Mercedes C-Klasse respektive ihre Vorgänger schon eine feste Größe in der gehobenen Mittelklasse. Und seit dieser Zeit traten immer wieder neue Rivalen aus Asien auf den Plan, um hierzulande die Dominanz des Trios zu brechen. Erinnern Sie sich noch an den Lexus IS oder den Mazda Xedos 6?

Ambitioniert waren diese Modelle allemal, aber letztlich erfolglos gegen die Deutschen und deren Leasing-Macht im wichtigen Flottenmarkt. Jetzt wagt Genesis, die Nobelmarke von Hyundai, einen neuen Anlauf. In den USA und Südkorea schon länger präsent, hat man vor allem Privatkunden im Visier und setzt auf eine besondere Taktik. 

[Dienstag 12:27] Daniel Hohmeyer

Was ist das?

Polemisch formuliert: Die deutschen Platzhirsche bringen ihre Autos zehntausendfach unters Volk, doch der einzelne Kunde ist ihnen egal. Bei diesem Punkt setzt Genesis an: Hier wird das Wunschfahrzeug zur Probefahrt vor die Haustür geliefert, nach dem Kauf gibt es einen persönlichen Assistenten, der den Wagen zur jährlichen Inspektion (fünf sind inklusive) holt und wieder bringt. Einen Ersatzwagen hat er dabei. Arrogante Autohäuser? Fehlanzeige: Es gibt einen Schauraum in München, bestellt und bezahlt wird stets online. Und das Fahrzeug natürlich vorbeigebracht …

Lange Rede, kurzer Sinn: Los geht es in Westeuropa zunächst mit dem ganz neuen SUV GV70 und dem seit 2017 existenten G70, der frisch überarbeitet wurde und um eine nur für Europa entwickelte Shooting-Brake-Version ergänzt ist. Hier erfahren Sie Details zu dem schicken Kombi.

Hier und jetzt konnte ich aber zunächst “nur” die Limousine fahren. Sie ist 4,68 Meter lang, also auf BMW-3er-Niveau. Die Plattform und Motoren teilt sich der G70 übrigens mit dem Kia Stinger. Optisch hat man dem G70 nun die Genesis-typische Frontpartie mit zwei Leuchtstreifen und dem großen Wappen-Grill verpasst. Das kann sich mehr als sehen lassen, insbesondere als Sport-Variante in “Mallorca Blue” (siehe Fotos) schaut die Limousine fabelhaft aus.

genesis g70 (2021) im ersten fahrbericht: der g-faktor

Abmessungen und Innenraum

Leider hat Schönheit wie so oft ihren Preis: Trotz 2,83 Meter Radstand ist die Beinfreiheit im Fond nur mittelprächtig und über dem Scheitel zwickt die schicke Dachlinie. Jedoch sind die deutschen Limousinen-Rivalen hier auch keine Raumfähren. Mäßige 330 Liter Gepäck passen ins Heck des Stufenheck-G70, wer Platz braucht, sollte sich auf den Shooting Brake gedulden.

Auf den vorderen Plätzen gibt es keinen Grund zur Klage. Man blickt hier auf ein übersichtliches Cockpit, bei dem Genesis um Hochwertigkeit bemüht ist, etwa durch optionales Nappaleder. Ich würde sagen: Gut, aber nicht ganz so geil (sorry!) wie im GV70.

Hier spielt auch das Alter des G70 eine Rolle, welches im Gegenzug für eine prima Bedienung sorgt. Ein echter T-Wählhebel für die serienmäßige Achtgang-Automatik plus große Tasten in der Mittelkonsole. Als Seitenhieb gegen 3er und C-Klasse sei noch angemerkt, dass der G70 klar ablesbare Digitalinstrumente und einen schön integrierten, maßvoll bemessenen Touchscreen hat.

genesis g70 (2021) im ersten fahrbericht: der g-faktor

Wie fährt er sich?

Zum Marktstart gibt es für den G70 einen 2,2-Liter-Diesel mit 147 kW (200 PS) und 440 Newtonmeter Drehmoment. Oder wahlweise einen 2,0-Liter-Turbobenziner mit 180 kW (245 PS) und 353 Newtonmeter. Dem Basismodell vorbehalten ist der schwächere Zweiliter-Benziner mit “nur” 197 PS, aber auch 353 Nm Drehmoment. Er ist 2,7 Sekunden langsamer als sein stärkerer Bruder, aber mit 8,8 Sekunden auf 100 km/h immer noch flott. Im Angebot ist er nur mit Hinterradantrieb, der große Benziner und der Diesel optional auch mit Allrad.

Für meine Testrunde wähle ich die 245-PS-Maschine. Ein flotter Otto, der gut mit der Automatik harmoniert. Besonders auffallend bei Tempo 120: Der Motor ist dank exzellenter Dämmung kaum zu hören. So ist eine geräuschdämmende Frontscheibe serienmäßig. Generell fühlt sich er G70 im Vergleich zum schwereren GV70 viel direkter an, sei es bei der Lenkung oder dem Ansprechverhalten. Als angenehm empfand ich persönlich das Abrollverhalten der 18-Zoll-Bereifung.  

genesis g70 (2021) im ersten fahrbericht: der g-faktor

Kommt noch 2021: Genesis G70 Shooting Brake

Was kostet er?

Beim Verbrauch notierte ich mir 9,1 Liter im Schnitt bei nicht übertrieben sparsamer Fahrweise. Das deckt sich recht gut mit der WLTP-Werksangabe von Genesis: Sie reicht von 8,0 bis 8,9 Liter auf 100 Kilometer. Und was kostet einen nun dieser Kraftwagen? 39.100 Euro für den Basis-Benziner, ab 41.500 Euro für den Diesel. Der stärkere Benziner beginnt bei 47.610 Euro, dann aber bereits in einer höheren Ausstattung. 

Bereits die Basisvariante des G70 bietet viele serienmäßige Annehmlichkeiten. Rund 10.000 Euro an Extras stehen in der Preisliste, der große Benziner läge dann bei knapp unter 58.000 Euro. Zum Vergleich: Ein BMW 320i mit 184 PS startet bei 42.150 Euro, ausstattungsbereinigt kommt man der 47.000-Euro-Marke nahe.

Fazit: 7,5/10

Die Genesis G70 Limousine ist eine gelungene Alternative zu den deutschen Platzhirschen. Gewiss, sie ist nicht brandneu, im Gegenzug aber bei der Bedienung ohne Rätsel. Privatkunden, die sich durch Design von der Masse abheben wollen oder mit dem Service bei deutschen Marken unzufrieden sind, sollten ein Auge auf den G70 werfen. Beim Preis und den inbegriffenen Zusatzleistungen setzt Genesis ein Ausrufezeichen, ebenso bei der Optik. 

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