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BMW XM (2023) mit Plug-in-Hybrid und 650 PS im Vorserien-Test

Das monströse Geschenk zum 50sten der M GmbH wird Puristen aufregen, aber ziemlich grandios fahren

bmw xm (2023) mit plug-in-hybrid und 650 ps im vorserien-test

Es passierte Ende November 2021. BMW hatte uns gerade, wie das so üblich ist, ein paar Tage vor der offiziellen Weltpremiere die Bilder seines Concept XM rübergeschickt. Ich klicke auf den Link und Sekundenbruchteile später erhält der Büroteppich vor meinem Schreibtisch eine veritable Kaffee-Dusche. Einfach so aus der Hand geplumpst, die Tasse. Vor Schreck? Vor Entsetzen? Ja.

Dazu muss man sagen: Klicks hat uns der provokante Protz reichlich beschert. User-Kommentare auch. Die meisten davon eher – wie sage ich das jetzt höflich – nicht zu 100 Prozent wohlwollend. Das erste eigenständige M-Auto seit dem längst heiliggesprochenen M1 und dann tritt man alles, was dem M GmbH-Fan heilig ist, mit den größtmöglichen Füßen. Zum 50-jährigen Firmenjubiläum obendrein. Da kocht die rot-blaue Seele.

Bildergalerie: BMW Concept XM

Die Verantwortlichen dürften den Schock-Effekt einkalkuliert, vermutlich sogar ganz bewusst provoziert haben. Ein M-Supercar hätte die immer gleichen Enthusiasten besänftigt, die eh nicht in der Lage sind, so ein Auto zu bezahlen. Ein vermutlich 2,7 Tonnen schweres, anstößig gezeichnetes Plug-in-Hybrid-SUV mit bis zu 750 PS und 1.000 Nm Drehmoment hingegen wird man dir aus den Händen reißen, als stünde es bei Aldi im Regal für Sonnenblumenöl.

So bitte, sehr viele große Zahlen

Jetzt, gut ein halbes Jahr später, hat man mich nach Salzburg geladen, um einen Prototypen des XM zu fahren. Spötter würden behaupten: Gut, dass er noch so stark getarnt ist. Aber gehen Sie mal davon aus, dass er nicht so arg anders aussehen wird, als die schockierende Studie.

Der X5 M auf dem Parkplatz neben dem XM sieht im Vergleich jedenfalls relativ schmächtig aus. Aus der Zielgruppe für ihr neues Mega-SUV machen die Garchinger auch keinen Hehl. Man will die Kunden, die sich für einen Lamborghini Urus, einen Aston Martin DBX oder .. ja natürlich .. einen Mercedes-AMG G 63 interessieren. Extrovertiertes Klientel mit der nötigen Knete eben.

Dafür setzt man auf hanebüchene Hybrid-Power und ein komplett neues Motoren-Setup. Der Biturbo-Achtzylinder hat zwar weiterhin 4,4 Liter Hubraum, mit dem bisherigen Aggregat des M5 oder X5 M/X6 M aber nicht mehr so viel zu tun. Er ist bereits auf die Einhaltung der Euro7-Norm ausgelegt. Das erklärt wohl auch, warum die Systemleistung bei “nur” 650 PS und 800 Nm liegt. Das “nur” mag jetzt völlig bescheuert klingen, aber der noch aktuelle V8 schafft ja ohne elektrische Unterstützung schon 625 PS und 750 Nm.

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Projektleiter Sven Ritter beruhigt dann auch sofort die leistungshungrige Seele: “Eine stärkere Version wird definitiv kommen. Bei der Studie sprachen wir ja von 750 PS und 1.000 Nm und die erreichen wir dann auch.” Puh .. und ich dachte schon, wir müssten uns ernsthaft Sorgen machen, wie der Dicke überhaupt vom Fleck kommt.

Viel mehr Zahlen nannte man mir bei der ersten Ausfahrt übrigens nicht. Außer, dass es rein elektrisch um die 80 Kilometer weit gehen wird – inklusive flirrig-surrig-kosmischer “Iconic Sound”-Untermalung aus der Feder der Hollywood-Legende Hans Zimmer.

Rein elektrisch bewegt sich der XM eher gemütlich vorwärts. Fürs sozialverträgliche Mitgeschwimme im Stadtverkehr reicht es aber allemal. Wenn beide Aggregate zusammenarbeiten gibt es dann kein Halten mehr. Also wenig zumindest.

Man merkt dem Auto beim Beschleunigen schon auch sein horrendes Gewicht an. Aber der Schub, den das Achtzylinder-E-Motor-Konglomerat entfacht, ist dennoch reichlich beeindruckend. Vor allem, weil das “E” sehr gut darin ist, die kleine Leistungslücke in den untersten Drehzahlbereichen zu schließen.

Das Zusammenspiel, auch mit der ZF 8-Gang-Automatik, klappte schon sehr gut, benötigt nur noch wenig Feinschliff. Auch die monumentale 20-Zoll-Bremse machte bereits einen hervorragenden Eindruck. Man darf ja nicht vergessen, dass sie jetzt auch rekuperieren muss. Gemerkt hat man es nicht im Pedalgefühl, also alles gut soweit.

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X5 M und M5 gemischt mit Komfort

Ich sollte vielleicht noch erwähnen, dass BMW M mir für die gut 50 minütige Testfahrt mit dem XM-Prototypen einen veritablen Fachmann auf den Beifahrersitz gesetzt hat. Ich würde den Wagner aber ehrlich gesagt auch nicht alleine mit meinem sündteuren Edel-Testträger davon fahren lassen, also alles nachvollziehbar.

Der gute Mann heißt Jens Leopoldsberger, ist für die Fahrdynamik des XM zuständig und erwies sich für mich als echter Glücksgriff. Nicht nur, weil wir uns aufgrund unserer bayerischen Herkunft gleich blendend verstanden, sondern auch, weil der ehemalige Rolls-Royce-Cullinan-Mann (“jetzt war es aber definitiv wieder Zeit für etwas Sportlicheres”) sehr vernünftige Vorstellungen von Fahrdynamik hat.

“Ich hasse Untersteuern”, sagt Leopoldsberger gleich mal vorne weg. Geht mir ähnlich, lieber Jens. Aber du hast hier einen veritablen Fünf-Meter-SUV-Wal mit haufenweise Extra-Akku. Wie kann das funktionieren?

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Es kann funktionieren, weil es beim unfassbar spitz und aggressiv ausgelegten X5 M auch schon prächtig funktioniert hat und von dem kommt ein Großteil des XM-Unterbaus. Die Buchsen hat man sich vom M5 geschnappt. Des höheren Gewichts und der etwas anderen Auslegung wegen hat man Federn, Dämpfer, Lenkung, Allrad und Hinterachssperre ein wenig anders appliziert.

Außerdem kriegt der XM zwei Hardware-Geschenke, die ihn a) beim Fahren gefühlt noch weiter schrumpfen lassen sollen und die es b) so in einem M-Fahrzeug noch nie gab – wir sprechen von der Hinterradlenkung und der 48-Volt-Wankstabilisierung.

Dieser komplexe Technologie-Baukasten zeigt bereits nach ein paar Kurven Wirkung. Durchaus überraschende Wirkung, wohlgemerkt. Das mit dem Untersteuern können wir schnell abhaken. Ich hab’s wirklich versucht, erzwungen geradezu, aber passiert ist gar nix. Das umfangreiche Gefährt, ausgestattet mit ordentlich Negativsturz an beiden Achsen, bleibt stockneutral.

Auch hier lässt sich das Gewicht keinesfalls verhehlen, aber die Präzision, mit der man den XM dirigieren kann, ist schlichtweg beeindruckend. Er bewegt sich wirklich sehr kontrolliert, schaukelt nicht auf, geht willig ins Eck.

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Besonders im Gedächtnis blieb mir die Güte der Lenkung. Hier waren die M-Herrschaften zuletzt öfter mal völlig übers Ziel hinausgeschossen – zu direkt, viel zu nervös. Beim XM hat man das Nervöse eliminiert und nur die guten Dinge behalten. Die Überarbeitung des Querlenker-Lagers an der Vorderachse hat hier laut Leopoldsberger geholfen. Und natürlich profitiert das Auto auch von der lenkbaren Hinterachse, weil man vorne etwas Zug rausnehmen kann.

Schön auch: Der XM federt spürbar gelassener als X5 M und X6 M. Okay, die beiden haben auch in etwa den Fahrkomfort eines wütenden Rodeopferds. Den angefressenen Gaul hat man dem extravaganteren großen Bruder mit Erfolg ausgetrieben. “Wir sind wirklich durchs gesamte Fahrwerk durch, haben uns mehr oder weniger jedes Gummilager angeschaut und gesagt, das brauchen wir wegen der Fahrdynamik, aber hier ist der Fahrdynamik-Vorteil sehr gering und wir holen noch Komfort, das können wir weglassen”, erklärt Leopoldsberger.

Ein Luftfahrwerk war übrigens nie wirklich eine Option. “Man hat sich das irgendwann mal angeschaut”, sagt Leopoldsberger, “aber fahrdynamisch erzielst du einfach schlechtere Ergebnisse als mit einem Stahlfahrwerk.”

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Geh’ ma in die Lounge

Und das mit dem Komfort hat man ja – zumindest auf den ersten kurzen Blick – auch in den Griff bekommen. Trotz der comichaft großen Räder, die sich unter dem Auto drehen. Unter 21 Zoll geht überhaupt nichts, maximal sind ab Werk 23-Zöller zu haben. Für Reifenmonteure war die Zukunft auch schon mal schöner.

Sehr opulent geht es auch im Innenraum zu. Natürlich tut es das. Wichtigstes Unterscheidungsmerkmal zum X5 M ist die sogenannte M-Lounge im Fond. Keine Ahnung, wie sie es angestellt haben, aber die Beinfreiheit ist ungefähr 10-mal so groß. Außerdem sind die hinteren Sitze maximal gesteppt und sie ziehen sich – ganz Rolls-Royce-like – ums Eck bis in die Türen hinein. Perfekt zum Lümmeln, Champagner trinken und Insta-Reels anfertigen. Eine Art Kissen, zwischen Kopfstütze und C-Säule wird bis zum Serienstart für noch mehr Verwöhn-Aroma sorgen.

bmw xm (2023) mit plug-in-hybrid und 650 ps im vorserien-test

Vorne sieht der XM aus, als wäre das Cockpit des frisch gelifteten X7 in das eines aktuellen M5 geknallt. Hier hat man den ausufernden Bling der Studie doch zugunsten eines M-würdigeren Stils heruntergefahren. Die gar nicht mal so bequemen Carbonschalensitze aus anderen M-Fahrzeugen werden Sie hier nicht finden. Das vorhandene Gestühl ist deutlich bequemer, schnürt Ihnen auf Knopfdruck aber auch ordentlich die Taille zu.

Dazu gibt es das neueste iDrive 8-Infotainment mit sehr großen Bildschirmen und immer noch weniger Knöpfen (seufz!). Die Bedienung umfasst ein paar Hybrid-Modi und -Screens mehr, aber jeder, der schonmal in einem aktuellen M-BMW saß, wird sich sofort zurecht finden.

Bliebe noch der Kofferraum, der nicht unbedingt nach X5-Format aussieht. Hier ist der Fond wohl deutlich wichtiger. Einen eigenen Platz fürs Ladekabel gibt es auch nicht. Die Lösung: eine schwarz-goldene M-Ledertasche im Louis-Vuitton-Style mit wasserdichtem Innenleben. Nobel geht die Welt zugrunde. Aber vielleicht entwickelt sich daraus auch ein neuer Trend und es ist plötzlich mega hip, nirgendwo mehr ohne eigenem Ladekabel-Handtäschchen aufzuschlagen.

Wann, wo und wie viel

Vieles von dem, was Sie gerade gelesen haben, lässt nur einen Schluss zu: Dieses Auto ist weniger bis gar nicht für uns Europäer gedacht. Und genau so ist es auch vorgesehen. Hauptmarkt sind laut BMW die USA, gefolgt von China und dem Mittleren Osten. Die Produktion startet im Dezember im amerikanischen Spartanburg. Marktstart ist im März 2023.

Zu den Preisen haben sich die Münchner noch nicht geäußert. Aber gehen Sie mal stark davon aus, dass es einen recht gewaltigen Aufschlag gegenüber den 149.000 Euro geben wird, die ein X5 M Competition gerade kostet.

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