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BMW R 18 B im Test: Schwer am Cruisen

Harley-Davidson Road Glide und Indian Chieftain im Visier ...

bmw r 18 b im test: schwer am cruisen

Die gesamte Autoindustrie strebt in Richtung E-Mobilität. Verbrenner werden kleiner, elektrifiziert und zum Ende des Jahrzehnts größtenteils ganz aus dem Konzept Automobil verbannt. Ganz anders sieht es teilweise noch in der Welt der Zweiräder aus …

So wirkte es schon etwas anachronistisch-surreal, als BMW Motorrad die R 18 vorstellte und damit in den 2020er Jahren noch einmal den größten jemals gebauten Zweizylinder-Boxermotor der Firmengeschichte in einen Stahlrahmen hängte.

Jetzt legte der Hersteller noch einmal eine gute Schippe – oder eher Schaufel – nach und bringt die BMW R 18 B. Das “B” steht dabei für “Bagger” und soll für mehr Komfort und eine höhere Tourentauglichkeit sorgen. Mit großem Vorbau, verändertem Radstand, jeder Menge Technik und zwei Seitenkoffern.

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Immer dabei im Visier? Der US-Markt mit den starken und dort heimischen Kontrahenten um die Harley-Davidson Road Glide und die Indian Chieftain, die beide nicht nur in Sachen Preis, Gewicht und Verkaufszahlen richtige Brocken sind. Ob die BMW R 18 B eine Chance hat und wie sie sich auf unserer Testtour im hessischen Taunus geschlagen hat, klärt unser Fahrbericht.

110 kg zwischen den Beinen

Die Optik finden wir soweit gelungen. Die R 18 B wirkt aber unglaublich massiv. Hauptgrund dafür ist wie bei den schlankeren Modellen ohne “B” im Namen der sogenannte “Big Boxer” mit zwei Zylindern und sagenhaften 1.802 ccm Hubraum. 110 kg wiegt alleine dieses gewaltige Aggregat.

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Das Drehmoment von 158 Nm liegt ab 3.000 U/min an. Die Leistung? Vernachlässigbare 91 PS bei 4.750 Touren. So viele Umdrehungen werden Sie nämlich selten brauchen, denn am meisten Freude bereitet nunmal das Drehmoment. Und hier fühlt sich der Motor zwischen 2.000 und 4.000 U/min am wohlsten. Theoretisch können Sie sogar im Standgas bei 1.000 Touren dahinrollen und jederzeit mit sattem Sound durchbeschleunigen.

Schwerer als die Konkurrenz

Die Sitzposition ist mit nur 720 mm schön tief. So haben die Füße immer einen guten Bodenkontakt und können genug Kraft übertragen, wenn die herausfordernde Aufgabe ansteht, dieses Schwergewicht vom Seitenständer zu hieven. 398 kg wollen in die Aufrechte gebracht werden. Uff. Harley und Indian sind da tatsächlich ein paar Kilo leichter. Wer hätte das gedacht?!

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Doch BMW Motorrad hat es geschafft, dass das hohe Gewicht eigentlich nur im Stand, beim Rangieren (ordern Sie in jedem Fall die Rückfahrhilfe hinzu) oder bei sehr niedrigem Tempo spürbar ist. Sobald der Bagger erst einmal eine gewisse Geschwindigkeit erreicht hat, wird die R 18 B nämlich erstaunlich leichtfüßig und sogar recht wendig … für einen Bagger.

Wieso denn so wendig?!

Der Grund für das überraschend agile Fahrverhalten lässt sich nicht nur durch das großartig abgestimmte Fahrwerk (der Schwerpunkt liegt eher auf Komfort als auf Straffheit) erklären. Auch der gegenüber der normalen R 18-Modelle um 5 Grad steilere Lenkkopf mit der daraus resultierenden Radstandverkürzung um 35 auf insgesamt 1.695 Millimeter tragen zu dieser erstaunlichen Wendigkeit bei.

Einen Kurvenräuber sollten Sie trotzdem nicht erwarten. Die Schräglagenfreiheit macht Ihnen sehr schnell einen Strich durch die Rechnung. Bei den amerikanischen Kontrahenten ist dies ähnlich und die Fußrasten kontaktieren den Asphalt sehr früh.

Apropos Fußrasten: Die aufrechte Sitzposition auf der R 18 B ist zwar sehr angenehm und durch den Bagger-Vorbau sitzt man auch erst ab einer Körpergröße von über 1,85 Meter mit der Helmspitze im Fahrtwind, doch das so richtig amerikanische Bagger-Sitzgefühl will sich nicht einstellen. Hierfür hätten die Füße etwas weiter vorne platziert werden müssen. Dort sind allerdings zwei recht große Zylinder im Weg. Sollte man wissen.

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Vorteile gegenüber der amerikanischen Konkurrenz findet man bei der BMW aber zuhauf. Beispielsweise bei der extrem umfangreichen Ausstattung. Schon beim Blick ins Cockpit fällt auf, dass es der Hersteller ernst meint. So findet sich neben den vier Rundinstrumenten auch ein kaum übersehbarer 10,25-Zoll-Bildschirm in der Kommandozentrale.

Die Bedienung über den Dreh-Drück-Regler am linken Lenkergriff (quasi das iDrive von BMW Motorrad) erfordert zwar etwas Eingewöhnung, im Zweifel kann man seine Hand aber am Lenker behalten und muss nicht über Touch bedienen.

Technik, Technik, Technik … und Ton

Ebenfalls im Programm: ACC – also ein adaptiver Tempomat, mit dem der Abstand zu vorausfahrenden Fahrzeugen gehalten werden kann, vollintegral ABS, das Vorder- und Hinterrad gleichzeitig kontrolliert, eine Berganfahrhilfe und ein adaptives Federbein am Hinterrad, damit man nicht selbst Ausgleichsmaßnahmen vornehmen muss, wenn die maximale Zuladung von 232 kg ausgereizt wird.

Und dann wäre da ja noch die Musikanlage – wenn Sie mal keine Lust auf den grandiosen Boxer-Klang haben sollten. Das System kommt von Marshall und über 4 Boxen werden insgesamt 280 Watt erreicht.

Preislich geht’s bei BMW Motorrad und der R 18 B bei 26.600 Euro los. Und wenn man erst einmal das umfangreiche Zubehörangebot entdeckt hat, wird es schwer, bei einem Gesamtpreis von unter 30.000 Euro zu bleiben. Die 35.000-Euro-Region ist in unseren Augen eine realistische Hausnummer. Ziemlich viel Geld … für ein Motorrad.

Zum Vergleich: Dafür bekommen Sie auch einen schon recht gut ausgestatteten VW Golf. Mit vier Türen und Dach und so. Beim Blick über den großen Teich und die Konkurrenz ändert sich die Wahrnehmung aber wieder. Denn der BMW-Bagger ist tatsächlich günstiger als Harley-Davidson oder Indian. Rund 3.000 Euro sind es.

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