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BMW 528 (1975) Olympia-Tour, München 1972, 5er, Oldtimer

Heute drehen wir die Uhr zurück! 1972 feierten wir die Olympischen Spiele in München. Fast zeitgleich präsentierte BMW erstmals den neuen 5er. Zeit für eine kleine Olympia-Tour.

Die Leichtigkeit des Seins erreicht an jenem Abend im September um kurz nach sieben ihren Höhepunkt. Wir haben unseren Wagen auf dem Oberdeck des BMW-Parkhauses am Petuelring 130 in 80809 München abgestellt, blicken abwechselnd auf die Firmenzentrale in Form eines Beton gewordenen Vierzylinders, auf das Zeltdach des Olympiastadions, den 291 Meter hohen Olympiaturm und diese gelbe Limousine mit Nierengrill – und müssen immer wieder blinzeln, so schön funkelt alles in der Abendsonne. Wenn nicht gerade das Handy vibriert hätte, wir hätten schwören können: Es ist Montag, der 4. September 1972, und wir sind ganz berauscht, weil vor wenigen Minuten im Stadion nebenan die erst 16-jährige Ulrike Meyfarth mit 1,92 Metern Gold im Hochsprung geholt hat. (Die 50 schönsten Oldtimer aller Zeiten) München 72. Vor 50 Jahren hat Deutschland der Welt gezeigt, wie schnell, schön und nachhaltig man einen ganzen Stadtteil mit 77.000-Zuschauer-Stadion, Schwimm- und Mehrzweckhalle und Eissportzentrum aus dem Boden stampfen kann, inklusive Wohnungen für 13.487 Sportler und Betreuer.

1972 erster BMW 5er der Baureihe E12

München 22. 50 Jahre später begeben wir uns auf Zeitreise mit einem besonderen Auto: Im September 1972 fuhr der erste BMW 5er vor, Baureihe E12. amazon, bmw 528 (1975) olympia-tour, münchen 1972, 5er, oldtimer

Unten die Autos, oben die Menschen: Einfahrt in eine unterirdische Welt.


Heute erinnert der Wagen an die Zeit der Unbekümmertheit, als Dachsäulen noch filigran waren und Karosserien schmal, als Lackierungen noch Inkarot hießen oder Amazonasgrün und Rivierablau oder wie bei unserem Wagen Golfgelb mit dem Farbcode 070. Der Wagen will uns sagen, dass 4,62 Meter damals das Maß der oberen Mittelklasse waren, heute ist schon ein 3er neun Zentimeter länger. Dieses Auto erinnert uns daran, dass Werte unter zehn Sekunden für den Sprint von 0 auf 100 km/h mal für Magengrummeln sorgten. “Es gibt Autos, die fährt man, weil man sie sich leisten kann”, hieß es im alten Werbetext. “Einen BMW leistet man sich, weil man fahren kann.”

22.530 Mark teurer Traum

Unser Fotowagen, mit dem wir Olympia-München erkunden, Fenster unten, weil keine Klimaanlage, ist einer von 1975. 2,8-Liter-Reihensechszylinder-Vergaser, 165 PS, Hinterradantrieb. Damals ein 22.530 Mark teurer Traum mit “Bavaria”-UKW-Radio; heute ein Traum von damals. amazon, bmw 528 (1975) olympia-tour, münchen 1972, 5er, oldtimer

Alles im orangen Bereich! Das Farbleitsystem auf der Auto-Ebene unter den Häusern.


Der Dreistufen-Automat übermittelt die Kraft leicht zeitverzögert und etwas störrisch an die hinteren Räder. Weil das volle Drehmoment erst bei 4000/min einsetzt, musst du aufs Gas latschen, als wären dir die Spritpreise egal. Und dann fühlt sich dieses Auto an, als zöge es einen Bierstand von Paulaner hinter sich her. Also cruisen wir lieber in die unterirdische Stadt. Sie haben tatsächlich in fünfjähriger Bauzeit ab 1968 das geschaffen, was sämtliche Stadtplaner heutzutage als “Zukunftsvision” sehen. Unterm Olympiadorf gibt es Straßenzüge, an deren Seiten Autos parken, und daneben Einzelgaragen in Form abgezäunter Boxen. Das Blech steht unten, damit oben mehr Platz für den Mensch ist. Also das Leben. Und doch waren Leben und Tod hier ganz dicht beieinander. In den frühen Morgenstunden des 5. September 72, ein Tag nach Ulrike Meyfarths Hochsprung-Triumph, nahmen acht palästinensische Terroristen in der Connollystraße 31 elf israelische Sportler, Trainer und Kampfrichter als Geiseln. amazon, bmw 528 (1975) olympia-tour, münchen 1972, 5er, oldtimer

Drehzahlmesser bis 8000/min, grün für Effizienz, rot für Spaß.


Alle Israelis starben beim Befreiungsversuch, auch ein Polizist. Es war der Tag, als der Terror den Sport erreichte und die Welt erkannte, dass Gewalt nie die Lösung ist, sondern immer das Problem.

Einzigartiges Leitsystem aus Farben und Piktogrammen

Zurück ins Heute. Wir stehen neben einer Beton-Wendeltreppe, sie ist in strahlendem Orange beleuchtet. Architekt Günter Behnisch ist der Erschaffer der offenen, grünen und verkehrsberuhigten Stadt in der Stadt mit ihren Terrassenhäusern, die heute gefragter Wohnraum sind. Und Grafiker Otto “Otl” Aicher der Chefdesigner einer schönen Utopie. Der Mann, der in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre, ist verantwortlich für ein einzigartiges Leitsystem aus Farben und Piktogrammen. Seine einfache Zeichensprache mit den Strichmännchen ist stilprägend, die freundlichen Farben weisen noch heute den Weg vom Parkplatz zur Treppe hinauf ins autofreie “Oly-Dorf” und zurück. Wo habe ich noch mal geparkt? Ach ja, bei Orange. Lässt sich auch viel einfacher merken als E1, Reihe 14 oder so. amazon, bmw 528 (1975) olympia-tour, münchen 1972, 5er, oldtimer

München 72 und BMW von 75: Als wäre die Zeit stehen geblieben.


Unser 5er ist ein Vorfacelift-Modell, die Tankklappe sitzt rechts am Heck neben dem Kennzeichen und nicht wie ab 1976 seitlich, so wie heute noch. Sein Tacho geht bis 220, der Drehzahlmesser hat einen grünen Bereich bis 5000 Touren, in dem du den BMW immer fahren, und einen roten von 6500 bis 8000, in dem du ihn nie bewegen solltest. Das Gebläse in der Mittelkonsole überm Radio besteht aus drei Drehreglern. Links für kalt oder warm, rechts regelt, wo die Luft ausströmt. In die Mitte haben sie eine Uhr eingebaut, drum herum ein Drehrädchen für die drei Lüftungsstufen. Einfacher hätte das Olympia-Chefdesigner “Otl” Aicher auch nicht machen können, sieht man ja am stilisierten Maskottchen. Der bunte Dackel heißt “Waldi”, 16 Spielwarenhersteller erhielten Lizenzen für die Produktion des Maskottchens. amazon, bmw 528 (1975) olympia-tour, münchen 1972, 5er, oldtimer

4,62 Meter lange Eleganz auf Rädern an der Regatta- Anlage in Oberschleißheim.


Und dann müssen wir noch ein bisschen fahren, auf der Landstraße den Zeitgeist der 70er spüren, den Reihensechser fühlen, seinen Klang hören, das Benzin und Öl riechen. Als wir den 528 an der Regatta-Anlage in Oberschleißheim abstellen, auf seine filigranen Linien, die Tribüne und das 140 Meter breite Gewässer blicken, müssen wir immer wieder blinzeln, so schön funkelt alles in der Sonne. Die Leichtigkeit des Seins. Sie ist spürbar mit diesen Zeugen der Designgeschichte.

Technische Daten und Preis: BMW 528 (1975)

• Motor Sechszylinder, vorn längs
• Hubraum 2788 cm3
• Leistung 121 kW (165 PS) bei 5800/min
• max. Drehmoment 238 Nm bei 4000/min
• Antrieb Hinterradantrieb, 3-Stufen-Autom.
• L/B/H 4620/1690/1425 mm
• Leergewicht 1385 kg
• Kofferraum 440 l
• 0–100 km/h 9,5 s
• Höchstgeschwindigkeit 198 km/h
• Verbrauch 10,8 l S/100 km
• Abgas CO2 256 g/km
• Preis 22.530 Mark

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