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BMW 3er Facelift (2022) im Test: Herz trifft Verstand

320d Touring oder doch lieber M340i xDrive Limousine?

bmw 3er facelift (2022) im test: herz trifft verstand

Jede Automarke hat ein Modell, welches das Herzstück des Unternehmens ist. Bei VW ist es der Golf, bei BMW der 3er: Seit 1975 wurden gut 16 Millionen Exemplare weltweit verkauft. Und die derzeit siebte Generation gibt richtig Gas. 2019 vorgestellt, sind schon 1,1 Millionen Fahrzeuge vom Band gerollt. So gesehen bräuchte es keine große Modellpflege, im BMW-Jargon “LCI” genannt. Was deren Änderungen in der Praxis bedeuten, klärt unser Fahrbericht.

Was ist das?

Recht überraschend ist die Auflistung der fünf wichtigsten Märkte beim 3er: Satte 50 Prozent steuert China bei, danach folgen Deutschland (10 Prozent), die USA, UK und Südkorea. Global macht die Limousine 80 Prozent der Verkäufe aus, nur Deutschland bleibt mit 45 Prozent Anteil die Kombi-Nation. Nicht zu vergessen ist hierzulande das Flottengeschäft.

Bildergalerie: BMW 320d Touring (2022) im Test

Was hat sich also optisch getan? Natürlich dreht man solch ein Erfolgsmodell nicht komplett durch den Wolf. Im Großen und Ganzen wirkt der BMW 3er jetzt etwas kantiger, die Optik rückt näher an den 4er und womöglich auch den kommenden 5er. Vorne fallen schmalere Scheinwerfer auf (LED natürlich Serie), zudem ein kantigerer Stoßfänger mit größerem Lufteinlass. Die BMW-Niere bleibt zum Glück dezent. Generelles Fazit zum Gesamteindruck: Ausgewogen und sachlich.

Am Heck wurde lediglich der Stoßfänger modifiziert, hinzu kommen größere Endrohrblenden. Lange Rede, kurzer Sinn: Erst in der direkten Gegenüberstellung (siehe Bild, links vor LCI, rechts nach LCI) fallen die Unterschiede ins Auge. Ein kurzer Blick auf die Abmessungen des BMW 320d Touring, den ich als erstes unter die Lupe nehme: 4,71 Meter lang, 1,83 Meter breit, Radstand 2,85 Meter, 500 bis 1.510 Liter Kofferraumvolumen.

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Die Zeiten, in denen es in einem 3er eng zuging, sind längst vorbei. Im Fond gibt es reichlich Platz für die Beine, geblieben ist die recht tiefe Sitzposition beim Fahrer und seinen Passagieren. Abzüge gibt es für das schlichte Hartplastik an der Mittelkonsole. Unverändert praktisch ist das separat zu öffnende Heckfenster beim 3er Touring. Und bevor ich es vergesse zu erwähnen: Die Räder starten künftig bei 17 Zoll.

Kurven fürs Auge

Schon deutlicher werden die Neuerungen im Cockpit: Dort blicke ich auf das serienmäßige “Curved Display”, einer kombinierten Einheit aus 12,3 Zoll hinter dem Lenkrad und 14,9 Zoll auf der Mittelkonsole. Immerhin sehen die digitalen Instrumente jetzt eleganter aus als bislang, dennoch vermisse ich eine Option für klassisch runde Skalen. Hey BMW, wie wäre es mit Retro-Instrumenten wie im neuen Ford Mustang? Vom 3er (E30) zum Beispiel.

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Apropos “Hey, BMW” … Tasten und Regler wurden deutlich zugunsten von Sprach- und Touchbedienung reduziert. Doch keine Angst, im 3er gibt es keine Wüste wie im VW Golf. Zum einen ist der zentrale Touchscreen logisch aufgebaut und bietet große Bedienfelder für die Klimatisierung. Zum anderen existiert immer noch der klassische Dreh-/Drücksteller samt diverser Direktwahltasten. Meine Wenigkeit jedenfalls kam auch ohne Quasselei mit dem Auto schnell mit der neuen Bedienung zurecht.

Wie fährt er sich?

Nun aber den Startknopf gedrückt und den Nupsi alias Gangwählhebel in D geschoben. Das müssen jetzt alle 3er-Kunden machen, denn es gibt die gesamte Baureihe (auch den 318d) künftig ausschließlich mit der 8-Gang-Automatik. Und dem Schieberegler-Wählhebel-Nupsi-Pinöpel.

Ein bassiges-brummiges Nageln kündet unter der Haube vom 320d mit 2,0 Liter Hubraum und 140 kW (190 PS) Leistung. Plus 8 kW (11 PS) Elektro-Boost dank 48-Volt-Mildhybrid, der bei den Dieseln und dem Reihensechszylinder-Benziner zum Einsatz kommt. Auf Temperatur gekommen gibt sich der Motor gut gedämmt, zudem sorgt die exzellente Automatik für Ruhe im Karton: Bei Tempo 120 dreht das Aggregat nicht mal 2.000 U/min, selbst bei 170 liege ich noch unter 3.000 Touren.

Generell erweist sich der 320d fast als Universalgenie. Flotte 7,2 Sekunden auf 100 km/h und 229 Spitze machen ihn zum perfekten Langstreckengleiter. Zumal auch der Verbrauch stimmt: Ich ermittelte 5,9 Liter im Schnitt, mit dem optionalen 59-Liter-Tank sind also theoretisch fast 1.000 Kilometer Reichweite möglich.

Stets fein ist das direkte Ansprechen der fein austarierten Lenkung, eher weniger fein die komfortschmälernde Kombination von 19-Zöllern und M-Sportfahrwerk in der M-Sport-Ausstattung. Meine Meinung: Wer den 320d als zweiten Wohnsitz wählt, sollte darauf verzichten. Und zum Beispiel das Geld ins Head-Up-Display investieren.

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Immer noch Sex-Zylinder?

Ist der 320d Touring das Modell für den Verstand, so zielt die M340i xDrive Limousine mitten ins Herz. Kein Wunder, handelt es sich doch um den einzigen Sechszylinder-Benziner abseits des M3. (330d und 340d sind ebenfalls Sechsender …) Um es kurz zu machen: DAS ist noch echter BMW-Klang, wenngleich im Comfort-Modus der Motor fast schon zu stark gedämmt ist. Und in Zeiten von Biturbo und Direkteinspritzung fehlt mir ein wenig das Turbinige eines M 535i mit M30.

Dennoch sind 4,4 Sekunden auf 100 km/h (4,6 beim Touring) und 500 Nm zwischen 1.900 und 5.000 Umdrehungen einfach eine wahre Freude am Fahren. Sehr viel rasanter ist ein M3 auch nicht, der M340i ist die Alternative für alle, die mit der fetten M3-Niere hadern. Nur das aus meiner Sicht übertriebene Sprotzeln aus dem Auspuff beim Gaswegnehmen im Sport- und Sport-Plus-Modus müsste nicht sein.

Meine ganz persönliche Meinung: Es sollte den 340i auch ohne M geben. Aber mit Blick auf einen vierzylindrigen AMG C 43 (und bald auch C 63) geht das M für den 374 PS starken Wagen absolut in Ordnung.

Die Preise

Und was kostet der 3er künftig? Bei 43.900 Euro (Limousine) und 45.000 Euro (Touring) geht es los, auch weil wie erwähnt stets eine Automatik an Bord ist, ebenso eine Drei-Zonen-Klimatisierung. Für einen 320d Touring ruft BMW 53.200 Euro auf, hier dürfte aber die Leasingrate eine größere Rolle spielen. Wer sich den M340i xDrive als Limousine gönnen möchte, muss mindestens 71.300 Euro nach München überweisen.

Fazit: 9/10

Selbstverständlich sind weit über 50.000 Euro kein Pappenstiel für einen Diesel mit 190 PS. Aber mit dem überarbeiteten 320d Touring ist BMW eine fast perfekte automobile Mischung gelungen. Sogar das zunächst ungewohnte XL-Display im Cockpit vermag zu überzeugen. SUV? Elektro? Lieber klassisch nach dem Motto: Verachtet mir die Meister nicht, und ehrt mir ihre Kunst!

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