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Alfa Romeo Tonale (2022) im ersten Test: Spät, aber gut?

Wir sind den Italo-Tiguan mit 160-PS-Mildhybrid-Benziner gefahren

alfa romeo tonale (2022) im ersten test: spät, aber gut?

Ein ganz neues Modell von Alfa Romeo! Das ist mittlerweile so selten wie eine Meisterschaft von Schalke 04. Der Tonale soll in der SUV-Mittelklasse wildern und die zuletzt überschaubaren Verkäufe der Marke (knapp 3.000 Neuzulassungen anno 2021 in Deutschland) ankurbeln. Ob das gelingen kann, klärt unsere erste Testfahrt. 

Was ist das?

Der “Toni”, wie ich ihn heimlich getauft habe, soll die Herzen der Alfisti erobern, aber auch Neukunden zur Marke locken. Steckt also genügend Musik drin? “Sempre, sempre tu” (Al Bano & Romina Power) für die Fans und “Bene, Bene, Bene” (Rita Pavone) für Umsteiger?

Fest steht: Optisch ist der Tonale ohne Zweifel gelungen. Niemand würde merken, dass der “Typ 965” (so heißt er intern) die Plattform des Jeep Compass nutzt. Länger, breiter und flacher haben ihn die Italiener designt, das Resultat gefällt nicht nur mir ausgesprochen gut. Speziell in der dunkelgrünen Lackierung “Verde Montreal” ist “Toni” ein Hingucker.

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“Unaufgeregt männlich” urteilt die Muse fachfraulich. Was zeigt, dass sich auch das weibliche Geschlecht von diesem Romeo angezogen fühlt. Jede Wette: Manche werden den Tonale nur wegen seines Aussehens kaufen. Mode können sie einfach jenseits des Brenner. 

4,53 Meter misst der Tonale in der Länge, 1,84 Meter ist er breit und 1,60 Meter hoch. Damit ist er einige Zentimeter größer als etwa ein BMW X1 oder VW Tiguan. Drehen wir eine Runde um den Wagen: Vorne prangt natürlich prominent das “Scudetto”, darüber schmiegt sich das Alfa-Emblem in eine vorwitzige Ausbuchtung in der Motorhaube. Das dreiteilige Innenleben der Scheinwerfer mit adaptiver Voll-LED-Matrix soll an den RZ und SZ (1989-1993) erinnern. 

Typisch für aktuelle Alfa-Modelle sind die über das eigentliche Türblatt hinaus gewölbten hinteren Seitenfenster. Am Heck des Tonale greift ein schmales LED-Leuchtenband die Dreiteilung von vorne auf. In den Kofferraum passen im Normalzustand 500 Liter, ein guter Wert. 1.550 Liter beträgt der Maximalwert.

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Ich betrachte die Möblierung und schreite zur Sitzprobe. Die Beinfreiheit im Fond ist okay, allerdings nicht so überragend wie etwa in einem VW Tiguan. Eine Reihe weiter vorne ist das Raumgefühl ähnlich. Obwohl das Armaturenbrett wie auch die Türen ihr Hartplastik kaum kaschieren, hat Alfa Romeo es dennoch geschafft, ein ansprechendes Ambiente mit markentypischer Note zu kreieren.

Unser Tonale hatte die gehobene Veloce-Ausstattung, optionales Alcantara im Cockpit und auf den Sitzen wertete die Qualitätsanmutung spürbar auf. Für Retro-Chic sorgen die gewölbten Abdeckungen über dem stets serienmäßig 12,3-Zoll-Instrumentendisplay. Dort erscheinen bei Bedarf Rundinstrumente im Retro-Design. Schön. Ebenso der Startknopf im Lenkrad. Auf der Mittelkonsole thront ebenfalls immer ein 10,25-Zoll-Touchscreen.

Die Bedienung insgesamt: Nicht hundertprozentig informativ, aber auch nicht unangenehm rätselhaft. Einziger Aussetzer: Alexa mochte nicht so recht … 

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Wie fährt er sich?

Jetzt aber los! Mit dem Tonale hat Alfa Romeo erstmals einen Hybrid im Programm, genauer gesagt einen 48V-Mildhybrid. 118 kW gleich 160 PS aus 1,5 Liter Hubraum standen bei uns unter der Haube bereit, hinzu kommt (wie auch beim Tonale mit 130 PS) ein 15 kW (20 PS) starker Elektromotor. Er kann auf 0,77 kWh Saft aus einem 13,5 Kilogramm schweren Lithium-Ionen-Akku zurückgreifen und liefert 55 Nm Extra-Drehmoment. 

Über ein 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe gelangt die Kraft von maximal 240 Newtonmeter Drehmoment auf die Straße. Das klingt alles auf dem Papier fein, ist es aber in der Realität nur teilweise. Aus dem Stand oder bei spontaner Leistungsanforderung benötigt der Antrieb eine gefühlte Gedenksekunde, auch der Übergang vom Elektro- zum Verbrennerbetrieb gelingt nicht harmonisch. Speziell das Getriebe wirkt unmotiviert und dreht die Gänge teilweise lang aus. Die Folge: Manchmal heult der Motor beim Gasgeben auf, als hätte man den Führerschein erst seit drei Tagen. 

Wer also schnell nach Kraft verlangt, sollte vielleicht auf den Diesel oder den Plug-in-Hybrid warten. 8,8 Sekunden auf Tempo 100 gibt Alfa Romeo für den 160-PS-Benziner an, es wirkt gefühlt langsamer. Der Hersteller schwärmt zudem von “der direktesten Lenkübersetzung im Segment” (13,6:1). Hier möchte ich einwerfen: Jein. Im Dynamic-Modus des Alfa-typischen DNA-Systems spricht die Lenkung etwas besser an, im Normalfall bleibt sie mir etwas zu indifferent.

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Allzuhoch sind Tonis sportliche Ambitionen nicht, wenngleich das Handling nicht mal so schlecht ist. Gut gelungen ist die trotz der 20-Zoll-Räder unseres Wagens durchaus komfortable Federung. Musikalisch passend wäre hier entspannter Jazz von Paolo Conte. Wer entsprechend fährt, wird beim Verbrauch belohnt: Exakt 5,0 Liter nach einer Mischung aus entspannten Dahingleiten und Bergabfahrt mit manch elektrischem Anteil. Bei der Hatz über enge Bergstraßen waren es 7,5 Liter sowie die Hoffnung auf eine Quadrifoglio-Version.

Unsere italienischen Nachbarn jedenfalls freuen sich fast ein Loch in den Bauch, dass Alfa Romeo etwas Neues hat. Praktisch jeder Wagen der Tonale-Testflotte wurde von Passanten begutachtet. Unser Highlight: Auf dem Bürgersteig wird ein kleines Kind im Buggy vorbeigeschoben. Es sieht unser blaues Auto und ruft verzückt: “ALFA!” 

Und der Preis?

Was sollten Papi oder Mami auf dem Konto haben? Nun, ausführliche Preise für den deutschen Markt hält Alfa Romeo noch nicht bereit. Einen ersten Anhaltspunkt liefert die Summe für das üppig ausgestattete Sondermodell “Edizione Speciale” zum Marktstart im Juni 2022. Mit 130-PS-Benziner kostet es exakt 39.000 Euro.

Fazit:

Beim neuen Tonale hat Alfa Romeo das Beste aus der Jeep-Plattform gemacht. Wer auch nur ein wenig Herz für italienische Autos und die Marke im Speziellen hat, muss sich über frisches Blut für Alfa freuen. Schon allein wegen der Optik, aber auch aufgrund der Preise dürfte der Tonale neue Kunden anlocken. 

Diese werden sich womöglich trotz mangelnder Feinabstimmung im Orchester nicht an der Charakteristik des (Mild-)Hybrid-Benziners stören. Eingefleischte Alfisti, die Giulia oder Stelvio gewohnt sind, könnten aber nach einem Stethoskop für das “Cuore Sportivo” suchen. Solch einen Alfista haben wir bei uns in der Redaktion. Wir werden ihm einen Tonale zum ausgiebigen Test besorgen … 

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